Sonnenring am Bodensee
Copyright © Klaus Piontzik
 

2.6 - Heros und Mensch

2.6.1 - Der Heros

Der Heros beschreibt seinen Gang durch den Jahreskreis nicht aus eigenem Antrieb heraus; immer bleibt die kosmisch, zyklische Allmacht der Göttin die treibende Kraft. Sahen die Men-schen die Göttin (Natur) als die allmächtige, absolute Urkraft, so nahm der Heros in der Bezie-hung zur Göttin eine Stellung analog der Menschheit zur Natur ein.

Heros = Menschheit = Mensch

Damit entsteht aber auch eine Interpretationsebene an der Kirche, die für den Menschen steht. Dies wird durch die Darstellung des Kirchturmes als Mensch in der Vier-Elemente-Zuordnung noch bekräftigt.

 

 

2.6.2 - Der Weg des Menschen

Der Weg des Menschen
 
Norden
Mit der Feuerzuordnung durch den Vier-Elemente-Platz und der Repräsentation des Menschen durch den (Wach)Turm, sowie den Zusammenhang zur ewigen Einheit durch die weiße Erdgöt-tin, steht die Nordseite der Kirche daher auch für den wachen, göttlichen Menschen der mit Allem (Himmel und Erde) verbunden ist.

Osten
Mit der Luft- bzw. Geistzuordnung durch den Vier-Elemente-Platz und der Repräsentation des Menschen (als Christus) durch das Abendmahl in Form des Glasfensters an der Ostseite der Kirche steht hier daher der (gerade) erwachte, fühlende, liebende Mensch, dessen Erkenntnisrei-se gerade erst beginnt.

Süden
Mit der Wasserzuordnung durch den Vier-Elemente-Platz und seiner Materialisation als Brunnenanlage im Vorplatz, stellt der Stadtplatz das Leben bzw. die Natur dar. Mehr dazu noch im Kapitel über den Stadtplatz.
Zu beachten ist jetzt dass die Sonnenuhr über dem Haupteingang der Kirche, also üBER dem Wasser befindlich ist. Einerseits entsteht damit eine direkte Beziehung zur Sonne, als dem füh-renden Element. Das solare männliche Prinzip einerseits als lebensspendendes Element, anderer-seits als männliches Feuer polar zum weiblichen Wasser.
Das solare männliche Prinzip steht als Symbol für das menschliche Bewusstsein. Dies steht für den wachen erwachsenen Menschen der ins Leben geht bzw. diesem gegenübersteht oder darin wirkt und lenkt.
Da die Sonne auch für das Licht steht, bedeutet sie innerhalb der christlichen Symbolik Jesus Christus. Hier steht also der Christus der als Mensch ins Leben wirkt bzw. der Mensch der als Christus ins Leben tritt.

Und hier offenbart sich das zweite Geheimnis der evangelischen Kirche von Heiden, bzw. die eher gnostische Weltansicht der Erbauer der Kirche:

 
Und damit wird die männliche göttliche Trinität hier so dargestellt:
männliche Trinität
 
Diese Darstellung der göttlich, männlichen Trinität wird durch die zentrale Stellung der Sonne (Sonnenuhr) im dreieckigen Vordach am südlichen Haupteingang der Kirche noch einmal betont. (siehe Bild Haupteingang Südseite)

Westen
Mit der Erdzuordnung durch den Vier-Elemente-Platz steht der Westen für den Menschen der der Materie bzw. der Natur unterworfen ist, durch Alter und durch Tod. Der Ausweg besteht physikalisch als auch symbolisch im (heutigen) Eingang zur Kirche.
Denn das Innenleben der Kirche zeigt einen Weg vom Naturellen/Materiellen zum Geistigen/Göttlichen über das Herz auf. Und damit einen Weg über die Liebe selbst zum erwachten, göttlichen Menschen und damit zu Christus zu werden.

 

 

2.6.3 - Der Weg des Christus

Durch die Einbeziehung einer Mensch/Christus-Ebene werden durch die Kirche und ihren Aufbau insgesamt zwei Achsen aufgespannt.

1) Die West-Ost-Achse
Mit der Erde/Luft-Zuordnung symbolisiert sie den Weg des Menschen zum Christus bzw. vom materiell verhafteten Menschen zum göttlichen, liebenden Menschen und zur Er-kenntnis der Existenz einer übergreifenden kosmischen Ordnung.

2) Die Nord-Süd-Achse
Mit der Feuer/Wasser-Zuordnung symbolisiert sie den Weg des Christus bzw. des göttlichen, liebenden Menschen vom Zustand der Allverbundenheit zum Leben hin.


Der Zustand der Allverbundenheit steht dem Leben gegenüber, denn mit Allem eins zu sein ist menschlicher Gesellschaft abträglich. Es ist ein Zustand der Alleinsein erfordert und die Eremitage sogenannter Meister kann darin ihre Erklärung finden. Der Turm ist dann auch das Symbol für Einzelsein, Selbstfindung und Individuation.

Demgegenüber steht der Mensch/Christus der dem Leben begegnet. In was für einer Art und Weise dies geschieht, darauf müsste der Stadtplatz eine Antwort geben, wenn man auf das bisher verbaute geomantische Wissen der Planer und Erbauer des Stadtkerns vertraut.
 
Der Weg des Christus

 

 

2.6.4 - Zusammenfassung

Die Ausfertigung der Kirche als Tempel mit der lunar, venusisch, weiblichen Zuordnung, die Zuordnung als Vier-Elemente-Platz, die Benutzung von Elementen der Bauhüttenkunst und die Darstellung des jahreszeitlichen Wandels der Erdgöttin und des Heros offenbaren eine viel-schichtige Symbolik, die darauf schließen lässt, dass die Planer und Erbauer der Kirche über tiefgehende Kenntnisse im Bereich der Geomantie, Bauhüttenkunst, Gnostik und (christlicher) Symbolik verfügten. Es lassen sich folgende Ebenen ausmachen:


1) physikalisch - Ausrichtung zu den magnetischen Himmelsrichtungen
2) Vier Elemente Zuordnung
3) Zuordnung jahreszeitlicher Verlauf Erdgöttin und Heros
4) Darstellung Mensch - Christus


Von Violetta Bühlmann-Müller, Radiästhetin und Geomantin, Mitarbeiterin von Blanche Merz und Autorin von „Orte der Kraft in der Schweiz“ stammt die Information dass hier Kelten gelebt haben und eine Kultstätte existierte. Nach ihren Aussagen ist der Platz an dem die Kirche steht ein Ort, der das männliche Prinzip repräsentiert.
Nach Walter Züst, ehemaliger Gemeindeschreiber, heute Roman-Autor, lokalisiert im Stadtplatz einen keltischen Versammlungsplatz.

Da die katholische wie evangelische Kirche ihre Gebäude also Kirchen in der Regel auf die alten Kultplätze setzten und meistens sogar noch deren ursprüngliche Bedeutung übernahmen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Platz an dem die Kirche heute steht Teil eines alten keltischen Kultplatzes gewesen sein könnte, und zwar eines Kultplatzes der der Erd-göttin Gaia gewidmet war. Was zur Konsequenz hat das Heiden also auf eine uralte Tradition zurückblicken kann.

Die Ausfertigung der Kirche in ihrer christlichen Symbolik lässt aber auch den Schluss zu, dass hier versucht wurde die Macht der Erdgöttin zu bändigen und zu kanalisieren, um sie in den christlichen Rahmen integrieren zu können.

Die Umwandlung ihres Mythos war ein Hauptanliegen und auch eine Notwendigkeit
während der patriarchalen Um- und überformung tradierter matriarchalischer Kulturformen.

Und hat auch in Heiden stattgefunden, wie an der gesamten Kirchenstrukturierung und Symbolik bisher zu sehen war und am Stadtplatz noch zu sehen sein wird.

 

 zum Anfang derSeite

 zur vorherigen Seite zurück home